Preisentwicklung
2008
Tendenz Tessin:
Da die italienische
Schweiz mit ihren Weinen ungebrochen im Aufwind liegt, sind nach nunmehr drei
Jahren der relativen Ruhe Preisaufschläge auf breiterer Front erfolgt. Verschärfend
haben sich die phänomenalen Resultate von Tessiner Kreszenzen im
internationalen Vergleich ausgewirkt: Das Interesse im Ausland ist sprunghaft
gestiegen. In Deutschland, Luxemburg, Belgien und England wächst der Markt;
aber auch Italien (!) und Frankreich (!) sind auf die Tessiner Gewächse
aufmerksam und als mögliche Kunden vorstellig geworden.
Unter Fachleuten gilt als
erwiesen, dass es der Südkanton verstanden hat, sich mit dem Merlot ein
markantes Profil zu geben und nun dabei ist, sein einzigartiges Potential mit
guter Reb- und Kellerarbeit auszuschöpfen. Das Tessin ist definitiv auf dem Sprung zur
Weinbauzone von Weltformat. Auch kritische Eno-Journalisten sind sich einig,
dass der Merlot eigentlich nur in zwei Gebieten der Erde Charakterweine
hervorbringt: in Bordeaux und im Tessin. Diese Einschätzung sowie die
entsprechend guten Jahrgänge im Angebot haben einen überschnellen Abverkauf
bewirkt. Manche Kreszenz ist bereits ausgeschossen, für verschiedene Etiketten
sind Wartezeiten von fünf bis sechs Monaten angesagt.
Der Jahrgang 2006, der nach und nach auf den
Markt kommt, ist einmal mehr vortrefflich gelungen, und was 2007 eingebracht
wurde, verspricht unseren Degustationen zufolge fast zahllose Aha-Effekte.
Bloss die Mengen sind prekär knapp. Ein Drittel weniger Ernte im letzten Jahr –
das verheisst nichts Gutes. Zuteilungskämpfe können unmöglich im Interesse
einer Region sein, die seit über 20 Jahren alles daran gesetzt hat, sich mit
übermässigen Leistungen zu „rehabilitieren“.
Effektiv sind auch die Einstandkosten der
Weinmacher erneut signifikant gestiegen. Man bedenke, dass Maschinen und
Fahrzeuge, Erdoel und dessen Drivate, Barriques, Glas, Kartonagen, Korken,
Papier und Druckfarben für Etikette usw. usf. weitestgehend aus dem Ausland
eingeführt werden und in harten €uro zu bezahlen sind. Nicht nur bestehen bei
verschiedenen Rohstoffen (z.B. Glassand) massive globale Engpässe, das
fulminante Wirtschaftswachstum in Asien macht den Zugriff auf dringend
benötigte Materialien beinahe unmöglich. Ganz zu schweigen von den Lieferfristen,
die infolge der monumentalen Nachfrage der Turbo-Nationen von Nah- und Fernost
zum reinen Zufallsspiel geworden sind. Die Globalisierung verdreht sich ins
zynische Gegenteil: Statt Preisdämpfung infolge mehr Wettbewerb bewirkt sie Preisexplosionen
wegen schierer (darwinistischer) Konkurrenz.
Manche Tessiner Weinerzeuger begründen ihre
Preiserhöhungen mit dem Argument der gestiegenen Kosten. Das ist nicht nur
schade, sondern unnötig defensiv. Der Marktlage zufolge sind derartige
Entschuldigungen kontraproduktiv, reflektieren sie doch ein mangelndes
Selbstvertrauen. In Tat und Wahrheit sind die teils happigen Preiserhöhungen
nur möglich, weil die Qualität und das Renommee der Weine zu einer realen
Steigerung des Absatzes geführt haben. Im internationalen Vergleich bleiben die
Tessiner dennoch klar unterbewertet und behalten eine ungebrochene
Attraktivität.
Bis dato liegen uns die Preiserhöhungen von
Brivio, Delea, Gialdi, Monti und Valsangiacomo vor. Chiodi wird in den nächsten
Wochen nachziehen. Wir rechnen damit, dass sich das Preis-Karussell noch bis im
April drehen wird.
Tendenz übrige Schweiz:
Auch die anderen Schweizer Weingebiete sind mit
den steigenden Produktionskosten konfrontiert. Obschon die einzelnen Anbauzonen
sehr unterschiedlich im Markt positioniert sind, dürfen sich eigentlich alle
über einen besseren Absatz im Jahr 2007 freuen. Zum Übermut reicht es freilich nicht.
Eine Wahrnehmung oder gar Würdigung durch das Ausland ist bei vielen Winzern kaum
gegeben, ihre Abhängigkeit vom heimischen Markt bleibt – trotz qualitativer
Quantensprünge – fast total. Daher fallen die Preiserhöhungen eher moderat aus.
Die Ausnahmen bilden jene Namen, die es zu
einiger Berühmtheit gebracht haben. Da sind teils saftige Aufschläge zu verzeichnen.
Das Gesamtbild könnte uneinheitlicher nicht sein: Zögerlichen Preisanpassungen
im Rappenbereich stehen Aufschläge im zweistelligen Prozentbereich gegenüber.
Insgesamt jedoch rutschen die Schweizer gegenüber der internationalen Phalanx
langsam aber sicher ans untere Ende der Preisskala. Im objektiven Vergleich
entpuppt sich das Preisargument oft schlicht und ergreifend als hinfällig.
Daraus folgt ein bedeutender Attraktivitätsgewinn für die nationalen Gewächse.
Wer Schweizer Wein kauft, fährt durchaus gut. Vorbei die Zeiten, wo der
Konsument helvetischer Rebensäfte als unfreiwilliger Heimatschützer herhalten
musste. Die Produzenten haben ihre Lektion gelernt und tischen Weine auf, die
ihren Obolus bis zum letzten Tropfen wert sind.
Tendenz Europa:
Der €uro wirkt sich weiterhin auf die Preisentwicklung
aus. Der Valuta-Wert verharrt gegenüber dem Schweizer Franken – trotz der
momentanen Abflachung – auf innert Jahresfrist nochmals gestiegenem Niveau. Die
Weine aus dem €uro-Raum haben jedoch nicht nur währungsbedingt angezogen.
Vielerorts sind unverfrorene spekulative Aufschläge zu verzeichnen. Wiederum
wirkt sich die Nachfrage der Globalisierungs-Gewinner fatal aus und
katapultiert manches begehrte Gewächs in die Zone der Unerschwinglichkeit.
Andererseits bringen Länder wie Italien,
Spanien, Portugal, aber auch Frankreich oder Deutschland unverdrossen exzellente
Weine zu nachgerade erotischen Preisen heraus. Die ehemaligen Ost-Staaten
ziehen mit steigenden Qualitäten zu attraktiven Preisen nach.
Tendenz weltweit:
Ob es mit dem Phänomen des Neoliberalismus oder
mit kruder Dekadenz zu tun hat, sei dahingestellt. Die Lage präsentiert sich so, dass vom ausrangierten Formel
I Fahrer über den abgehalfterten Finanzer bis zum kaputten Porno-Starlet alles
in die Weinproduktion drängt. Mode-Designer wähnen sich befähigt, altverdiente
Dinaosaurier der Wein-Branche zu foppen, und Kinder überreicher Väter glauben,
über familiäre Netzwerke gestandene Wein-Zampanos outen zu können. Fake ist hip
und die Preisgestaltung allemal exzessiv.
Von Rendite besessene Investoren – ohne Sachverstand
und Befähigung – geben sich dem Irrglauben hin, dass Wein so manipulierbar sei
wie die Börse. Selbst Hedge-Fonds stürzen sich auf diesen komplexen
Landwirtschaftsbereich, spekulierend auf Asset-Stripping; nur, was wollen sie?
Dem Wein die Trauben ausziehen? Wäre dies so einfach zu bewerkstelligen, die
Weinerzeuger hätten keine Sekunde gezögert. Kein Bauer (und Weinbauern sind
schliesslich Bauern) hätte darauf gewartet, sich von Finanzern eines Besseren
belehren zu lassen!
Beurteilung:
Schweizer-Provenienzen verlieren die
Bodenhaftung trotz der Preissteigerungen nur in wenigen Fällen. Wichtig ist in
diesem Zusammenhang, dass jeder (selbst beschissene) Schweizer Wein immer noch
ein Traubenwein ist – was sich bei Flaschen anderen Ursprungs nicht immer
zweifelsfrei nachweisen lässt.
-> Fazit: fast ungebrochen attraktiv,
vereinzelte Exzesse -> selektiv kaufen
Europäische Gewächse haben sich teils vehement verteuert, bieten
aber eine äusserst breite und attraktive Palette von wahrlich preiswert bis luxuriös.
Plus einen nicht übersehbaren durchgeknallten Überbau.
-> Fazit: von Schnäppchen bis
abgehoben -> sehr selektiv kaufen
Labels von Weltruf sind nach der Abkoppelung von jeglicher
Realität im letzten Jahr in babylonische Dimensionen vorgestossen.
-> Fazit: nicht mehr von dieser Welt
-> vermeiden, halten (auf keinen Fall verkaufen, was Sie zu erträglichen
Preisen erstanden haben!!!)
Unsere Empfehlung:
Kaufen Sie Schweizer Wein (nicht nur Tessiner)
und meiden Sie eher die angesagten Namen (auch in der Schweiz). Manipulativen
Kräfte domninieren den Markt, was aber nicht heissen will, dass Sie langfristig
auf Ihre geliebten Favoriten verzichten müssen. Wie und wann auch immer die
„Korrektur“ erfolgt, sie wird brutal ausfallen. Produzenten die auf derzeitige
Trend-Märkte setzen, nehmen hemmungslos Ihr Abseitsstehen in Kauf. Hadern Sie
nicht mit dem Schicksal, warten Sie ab. Der Einbruch der Nachfrage aus den Wirtschaftswunderländern
ist programmiert, spätestens dann, wenn deren Systeme unter der Last des Booms wegbrechen
– oder wenn deren naive Konsumenten feststellen, dass Wein mit ihrer
Küchkenkultur nicht zwingend vereinbar ist.
08. Februar 2008
Urs Mäder
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